Wirtschaft zum Angreifen / Kraft das Murtal


Katja Polz im Interview mit "murtal-extra"

„Lehre mit Matura hat die besten Chancen“

extra hat mit Unternehmensberaterin Katja Polz über den richtigen Beruf für Jugendliche, den Mangel an Facharbeitern und die Kraft des Murtals gesprochen. Sie sagt: „Die Wirtschaft muss an die Schulen gehen, und sich dort für die Lehre stark machen.“

extra: Sie leiten das Projekt „Wirtschaft zum Angreifen“ und haben mit Kindern mehrere Murtaler Firmen besucht, z. B. IBS in Teufenbach. Macht Wirtschaft - und Arbeit - den Kindern denn wirklich Spaß?
K. Polz: Ja, es macht ihnen Spaß - und wie! Ich bin selbst überrascht, wie interessiert auch kleine Kinder bei Themen wie „Mein Traumberuf“ sind. Speziell bei den Volksschulkindern treffen wir mit „4. Klasse Volksschule - Wege in den Beruf“ auf offene, noch unvoreingenommen Ohren.

extra: Und welche Berufe sind bei den Kindern die beliebtesten?
K. Polz: Die Tierpflegerin ist bei den Mädchen im Kindergarten ein Renner, später im Volksschulalter sind es dann schon oft die „Berufe mit Kindern“. Bei den Burschen sind es die Berufe der Väter oder anderer Bezugspersonen, die sie beeindrucken. Fragt man bei Vierzehnjährigen nach, sind es dann die typischen Trendberufe, wie Friseurin, Bürokauffrau oder Einzelhandelskauffrau - bei den Jungs sind es die technisch-handwerklichen Berufe oder EDV- nahe Berufe. Seit Jamie Oliver & Co ist auch der Beruf Koch im Beliebtheitsgrad gestiegen.

 „Eltern nehmen oft zu viel Einfluss auf die Berufswahl“

extra: Viele Unternehmen tun sich heute schwer, gute Lehrlinge zu finden - woran liegt das?
K. Polz: Viele junge Menschen treffen eine prestigebezogene Berufsentscheidung, die oft von den Eltern beeinflusst ist. Tatsächliche Eignung, Neigung und realistische Jobchancen werden dabei zu wenig berücksichtigt. Außerdem kennen die wenigsten den Bildungsweg „Lehre und Matura“. Und jetzt haben wir geburtenschwache Jahrgänge, und die streben großteils zu den Höheren Schulen.

extra: Auch deshalb droht ein Mangel an Facharbeitern? Wie können wir da gegensteuern?
K. Polz: Wir sollten jedenfalls schnell handeln! Insbesondere im  Wege einer intensiven Aufklärungsarbeit durch die Unternehmen an Schulen, und zwar schon in der 4. Klasse Volksschule. Dort wird ja schon eine richtungweisende Entscheidung getroffen, nämlich „Hauptschule oder Gym?“. Bei den Elternabenden ist nie jemand, der den Bildungsweg „Lehre & Wege nach oben“ präsentiert. Da stehen nur Lehrer von weiterführenden Schulen und präsentieren IHRE Schule und was die alles „kann“. Von den Unternehmern ist keiner da, der das Gleiche für die Bildungswege und Entwicklungschancen mit einem Lehrberuf macht.

extra: Welche Richtung empfehlen Sie persönlich jungen Menschen auf deren Berufsweg - Lehre, Matura, oder Lehre mit Berufsreifeprüfung?
K. Polz: Das Wissen über seine eigenen Stärken, Begabungen und Neigungen ist die Voraussetzung für eine erfolgreiche Bildungswahl. Und der Schritt zur Matura ist für Lehrlinge machbar - immer mehr entschließen sich zur Berufsreifeprüfung. Jene, die es schaffen, sind gefragte Mitarbeiter und werden am Arbeitsmarkt mit hoher Wahrscheinlichkeit jenen Bewerbern vorgezogen, die nur die Schulbank gedrückt haben und in Übungsfirmen so getan haben „als ob“.

 „Im Murtal entsteht eine Kraft, die mich beeindruckt“

extra: Ihr Projekt ist Teil der Initiative „Kraft. Das Murtal“. Was haben Sie am Murtal als besonders kräftig erlebt?
K. Polz: Hier entsteht eine Kraft, weil mehrere an einem Strang ziehen und das Gleiche für ihre Region wollen. Besonders beeindruckt war ich von der Menschlichkeit, Offenheit und Begeisterung der Betriebsinhaber und der Führungskräfte. Es ist nicht selbstverständlich, dass sie sich Zeit nehmen, einen Teil ihres Betriebes sogar kurzzeitig anhalten, um den „jüngsten Nachwuchskräften von morgen“ ein Kennenlernen „live und hautnah“ zu ermöglichen.